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Oliver Deussen
Bildmanipulation
Wie Computer unsere
Wirklichkeit verzerren
Spektrum Akade-
mischer Verlag
ISBN 978-3827419002
© 2007
Impressum
 

Presse

dpa-Dossier Wissenschaft, Nr. 34/2007, 20. August 2007

Heidelberg (dpa) − Früher war die Manipulation von Fotos aufwendige Handarbeit. Mit dem Skalpell wurden Schwarzweiß-Bilder behutsam zerschnitten, unliebsame Personen vorsichtig herausgetrennt. Kleber fügte das Bild neu zusammen, mit feinen Pinseln wurde Farbe aufgebracht, um den Eingriff zu vertuschen. Was einst die Arbeit erfahrener Spezialisten im Dienst von Politik oder Geheimdiensten war, lässt sich heute viel leichter am Computer erledigen. Moderne Computerprogramme haben ein riesiges Potenzial zur Manipulation von Bildern. Dazu braucht es nur etwas Übung und einen Rechner von der Stange. Zudem verdrängen digitale Bilddateien das herkömmliche Negativ, das zumindest in den ersten Jahrzehnten der Fotografie als physikalischer Beweis eines Ereignisses gelten konnte. Daher stellt sich die Frage, was man heute noch glauben kann − und künftig glauben sollte.

"Weil wir Bildern so schutzlos ausgelifert sind."

Orientierung in diesen Fragen gibt der neue Band „Bildmanipulation“ von Oliver Deussen. Der Professor für Informatik lehrt an der Universität Konstanz Computergrafik und beschäftigt sich seit Jahren mit der fotorealistischen Bilderzeugung. Er bearbeitet das Thema erfreulich umfassend und sehr kompetent − eben gründlich nach Art eines Wissenschaftlers. Dennoch ist der Text leicht zu lesen. Einer seiner Antriebe, das Buch zu schreiben, lautete ganz einfach: „Weil wir der Wirkung von Bildern so schutzlos ausgeliefert sind.”

An anderer Stelle geht Deussen in technische Details und erklärt zum Beispiel, wie in ein Bild hineinkopierte Teile so angepasst werden, dass sich ihre Farbintensitäten kaum noch von der neuen Umgebung unterscheiden. Oder wie sich ein Mensch an einer Stelle möglichst exakt ausschneiden lässt, um ihn in anderem Zusammenhang fast unmerklich wieder einzufügen. Eine weitere Manipulation: Feine Änderungen der Proportionen lassen die in dem Beispiel gezeigten Frauengesichter hübscher erscheinen. Zahlreiche Beispielfotos zeigen den Weg zum veränderten Bild, die Resultate sind verblüffend.

Verräterische Spuren

Das Kapitel „Digitale Forensik“ schließlich zeigt, wie sich Fälschungen erkennen lassen. Unter anderen gelingt das, wenn zusammenmontierte Teile scheinbar von zwei Lichtquellen beschienen sind, obwohl im Bild nur eine zu erkennen ist. Außerdem produziert jede Linse bei der Abbildung feine Farbfehler, die zum Rand des Fotos hin stärker ausfallen. Wird ein Bereich von dort an eine andere Stelle geschoben, lässt sich das später nachweisen.

Diese und viele andere Hinweise sind keine Anleitung zum Gebrauch von Photoshop, dem führenden Programm zur Veränderung von Pixelbildern. Deussen lehrt mit seinem fundierten Buch vielmehr, worauf es beim Blick auf Bilder bereits heute ankommt. Wer das Buch gelesen hat, ist zumindest gewarnt und wird Fotos künftig anders gegenübertreten.

Thilo Resenhoeft, dpa

Hand anlegen: Eine Überblicksdarstellung moderner Bildmanipulationstechniken von Oliver Deussen

Überall, wo Bilder gemacht werden, wird Hand angelegt, manipuliert. Da werden Farben gemischt und Auslöser gedrückt, Chemikalien kombiniert und virtuelle Filter eingesetzt. Ganz unabhängig von den jeweiligen Bildmedien gilt: Manipulation ist die Bedingung von Bilderzeugung. Weil wir für gewöhnlich Bilder auf ihre Inhalte, die Ereignisse, von denen sie erzählen, die Personen, die sie darstellen, an- und somit ihre Medialität übersehen, ist das öffentliche Entsetzen immer dann groß, wenn die Diskrepanz zwischen einer bildlichen Darstellung und der Realität, die sie doch nur darstellen sollte, auffällt. Diktatoren lassen unliebsame Personen von Fotografien verschwinden, Putzwasser verfärbt sich zum roten Blutstrom und Dodi al Fayed war möglicherweise Lady Di nicht ganz so nah, wie es das Paparazzo-Foto vermuten ließ. Bilder, so fällt in diesen Momenten auf, unterhalten prekäre Beziehungen zu dem, was wir 'Realität' nennen. Sie sind keine unschuldigen Hilfsmittel, sondern Werkzeuge, die die Wirklichkeit, die es als solche gar nicht gibt, im Moment ihrer Bildwerdung konstruieren.

Oliver Deussen, Professor für Informatik an der Universität Konstanz mit dem Forschungsschwerpunkt Computergrafik, hat in einer allgemein verständlichen, reich bebilderten und durch viele historische Beispiele belegten Darstellung einen Überblick über den Stand gegenwärtiger Bilderzeugung und ihre Vorläufer vorgelegt. Da er sich vornehmlich für die moralisch, politisch und wissenschaftlich problematischen Aspekte der Bildherstellung interessiert, nennt er seinen Gegenstand explizit wertend "Bildmanipulation. Wie Computer unsere Wirklichkeit verzerren". Es geht ihm also nicht nur um eine Erläuterung der Techniken, sondern auch ein Bewusstsein für das Erlaubte und seine Grenzen. Deussen widmet sich dabei sowohl Bildern mit Referenz, also digitalen Fotografien, als auch Bildern ohne Referenz, also Computergrafiken. Das Problem ist, dass beide Bildtypen medial auf die analoge Fotografie und deren indexikalische Funktion referieren. Analoge Fotografie definiert sich medial über den Indexcharakter der von ihr erzeugten Bilder: sie ist die Spur von etwas, das wirklich dagewesen ist. Seit dem in den 1830er Jahren begonnenen Siegeszug der Fotografie haben wir gelernt, Fotografien nicht nur technisch so zu verstehen, sondern auch kognitiv so zu lesen: es ist eine kulturelle Errungenschaft und keine psychophysiologische Gegenbenheit, Fotografien einen höheren Wirklichkeitsbezug zu unterstellen als anderen Bildtypen. Mit dem Computer hergestellte Bilder profitieren von und leiden unter dieser Wahrnehmungsunterstellung. Die Leistungen von Computergraphik werden deshalb im Regelfall daran gemessen, wie weit sie in der Lage sind, sich dem Ideal Fotorealismus anzunähern. In dieser Hinsicht macht das Spektrum des aktuell technisch Machbaren sowohl staunen als auch fürchten. Und so steckt in dem sehr negativ konnotierten Verb 'verzerren' des Buchtitels auch ein wenig Stolz über das Erreichte. Mit offnem Mund lassen wir uns Schritt für Schritt vorführen, wie Porträtfotos subtil dem herrschenden Schönheitsideal angepasst werden, Elefanten so aus der Savanne verschwinden, als ob sie nie dagewesen seien und Gruppenfotos gelingen, bei denen tatsächlich jede Person lächelt und die Augen offen hält. In einem weiteren Kapitel zeigt Deussen, wie fotorealistische Darstellungen auf rein rechnerischem Wege synthetisiert werden. Ideale Landschaften setzen das Erbe der romantischen Maler fort, Schauspieler fliegen ohne Seil und magisch verändern Gegenstände ihre Materialität: wer die Beleuchtungsgesetze kennt und anzuwenden weiß, kann ganz ohne Hexerei aus einer Porzellanvase ein Glasgefäß machen. Es ist die große Leistung dieses Buches, diese Gesetze ebenso klar zu erläutern wie die neurophysiologischen Bedingungen unseres Sehens als Grundlage der Arbeit von Computergrafikern verstehbar zu machen. Weiterhin rahmt Deussen diese Arbeit bildgeschichtlich und bildanalytisch: Computergrafik ist kein isolierter Gegenstand, sondern Fortsetzung einer langen historischen Bildpraxis. Ihren Erzeugnissen muss dieselbe analytische Sorgfalt gewidmet werden wie berühmten Bildern der Kunstgeschichte. Die Aufforderung des Autors zum Erlernen kritischen Sehens kann deshalb nur in einer interdisziplinären Anstrengung erreicht werden. Deussens exzellent organisierte Studie zeigt die Richtung, in die man sich wenden müsste.

Prof. Dr. Albert Kümmel-Schnur
Juniorprofessur Digitale Medien/Digitale Kunst, Universität Konstanz