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dpa-Dossier Wissenschaft, Nr. 34/2007, 20. August 2007
Heidelberg (dpa) − Früher war die Manipulation von Fotos aufwendige
Handarbeit. Mit dem Skalpell wurden Schwarzweiß-Bilder behutsam
zerschnitten, unliebsame Personen vorsichtig herausgetrennt. Kleber fügte
das Bild neu zusammen, mit feinen Pinseln wurde Farbe aufgebracht, um
den Eingriff zu vertuschen. Was einst die Arbeit erfahrener Spezialisten im
Dienst von Politik oder Geheimdiensten war, lässt sich heute viel leichter
am Computer erledigen. Moderne Computerprogramme haben ein riesiges
Potenzial zur Manipulation von Bildern. Dazu braucht es nur etwas Übung
und einen Rechner von der Stange. Zudem verdrängen digitale Bilddateien
das herkömmliche Negativ, das zumindest in den ersten Jahrzehnten der
Fotografie als physikalischer Beweis eines Ereignisses gelten konnte.
Daher stellt sich die Frage, was man heute noch glauben kann − und
künftig glauben sollte.
"Weil wir Bildern so schutzlos ausgelifert sind."
Orientierung in diesen Fragen gibt der neue Band „Bildmanipulation“ von
Oliver Deussen. Der Professor für Informatik lehrt an der Universität
Konstanz Computergrafik und beschäftigt sich seit Jahren mit der fotorealistischen
Bilderzeugung. Er bearbeitet das Thema erfreulich umfassend
und sehr kompetent − eben gründlich nach Art eines Wissenschaftlers.
Dennoch ist der Text leicht zu lesen. Einer seiner Antriebe, das Buch zu
schreiben, lautete ganz einfach: „Weil wir der Wirkung von Bildern so
schutzlos ausgeliefert sind.”
An anderer Stelle geht Deussen in technische Details und erklärt zum
Beispiel, wie in ein Bild hineinkopierte Teile so angepasst werden, dass
sich ihre Farbintensitäten kaum noch von der neuen Umgebung
unterscheiden. Oder wie sich ein Mensch an einer Stelle möglichst exakt
ausschneiden lässt, um ihn in anderem Zusammenhang fast unmerklich
wieder einzufügen. Eine weitere Manipulation: Feine Änderungen der
Proportionen lassen die in dem Beispiel gezeigten Frauengesichter
hübscher erscheinen. Zahlreiche Beispielfotos zeigen den Weg zum
veränderten Bild, die Resultate sind verblüffend.
Verräterische Spuren
Das Kapitel „Digitale Forensik“ schließlich zeigt, wie sich Fälschungen
erkennen lassen. Unter anderen gelingt das, wenn zusammenmontierte
Teile scheinbar von zwei Lichtquellen beschienen sind, obwohl im Bild nur
eine zu erkennen ist. Außerdem produziert jede Linse bei der Abbildung
feine Farbfehler, die zum Rand des Fotos hin stärker ausfallen. Wird ein
Bereich von dort an eine andere Stelle geschoben, lässt sich das später
nachweisen.
Diese und viele andere Hinweise sind keine Anleitung zum Gebrauch von
Photoshop, dem führenden Programm zur Veränderung von Pixelbildern.
Deussen lehrt mit seinem fundierten Buch vielmehr, worauf es beim Blick
auf Bilder bereits heute ankommt. Wer das Buch gelesen hat, ist zumindest
gewarnt und wird Fotos künftig anders gegenübertreten.
Thilo Resenhoeft, dpa
Hand anlegen: Eine Überblicksdarstellung moderner Bildmanipulationstechniken von Oliver Deussen
Überall, wo Bilder gemacht werden, wird Hand angelegt, manipuliert. Da werden Farben gemischt
und Auslöser gedrückt, Chemikalien kombiniert und virtuelle Filter eingesetzt. Ganz unabhängig
von den jeweiligen Bildmedien gilt: Manipulation ist die Bedingung von Bilderzeugung. Weil wir
für gewöhnlich Bilder auf ihre Inhalte, die Ereignisse, von denen sie erzählen, die Personen,
die sie darstellen, an- und somit ihre Medialität übersehen, ist das öffentliche Entsetzen
immer dann groß, wenn die Diskrepanz zwischen einer bildlichen Darstellung und der Realität,
die sie doch nur darstellen sollte, auffällt. Diktatoren lassen unliebsame Personen von
Fotografien verschwinden, Putzwasser verfärbt sich zum roten Blutstrom und Dodi al Fayed war
möglicherweise Lady Di nicht ganz so nah, wie es das Paparazzo-Foto vermuten ließ. Bilder, so
fällt in diesen Momenten auf, unterhalten prekäre Beziehungen zu dem, was wir 'Realität' nennen.
Sie sind keine unschuldigen Hilfsmittel, sondern Werkzeuge, die die Wirklichkeit, die es als
solche gar nicht gibt, im Moment ihrer Bildwerdung konstruieren.
Oliver Deussen, Professor für Informatik an der Universität Konstanz mit dem Forschungsschwerpunkt
Computergrafik, hat in einer allgemein verständlichen, reich bebilderten und durch viele historische
Beispiele belegten Darstellung einen Überblick über den Stand gegenwärtiger Bilderzeugung und ihre
Vorläufer vorgelegt. Da er sich vornehmlich für die moralisch, politisch und wissenschaftlich
problematischen Aspekte der Bildherstellung interessiert, nennt er seinen Gegenstand explizit
wertend "Bildmanipulation. Wie Computer unsere Wirklichkeit verzerren". Es geht ihm also nicht nur
um eine Erläuterung der Techniken, sondern auch ein Bewusstsein für das Erlaubte und seine Grenzen.
Deussen widmet sich dabei sowohl Bildern mit Referenz, also digitalen Fotografien, als auch Bildern
ohne Referenz, also Computergrafiken. Das Problem ist, dass beide Bildtypen medial auf die analoge
Fotografie und deren indexikalische Funktion referieren. Analoge Fotografie definiert sich medial
über den Indexcharakter der von ihr erzeugten Bilder: sie ist die Spur von etwas, das wirklich
dagewesen ist. Seit dem in den 1830er Jahren begonnenen Siegeszug der Fotografie haben wir gelernt,
Fotografien nicht nur technisch so zu verstehen, sondern auch kognitiv so zu lesen: es ist eine
kulturelle Errungenschaft und keine psychophysiologische Gegenbenheit, Fotografien einen höheren
Wirklichkeitsbezug zu unterstellen als anderen Bildtypen. Mit dem Computer hergestellte Bilder
profitieren von und leiden unter dieser Wahrnehmungsunterstellung. Die Leistungen von Computergraphik
werden deshalb im Regelfall daran gemessen, wie weit sie in der Lage sind, sich dem Ideal Fotorealismus
anzunähern. In dieser Hinsicht macht das Spektrum des aktuell technisch Machbaren sowohl staunen als
auch fürchten. Und so steckt in dem sehr negativ konnotierten Verb 'verzerren' des Buchtitels auch ein
wenig Stolz über das Erreichte. Mit offnem Mund lassen wir uns Schritt für Schritt vorführen, wie
Porträtfotos subtil dem herrschenden Schönheitsideal angepasst werden, Elefanten so aus der Savanne
verschwinden, als ob sie nie dagewesen seien und Gruppenfotos gelingen, bei denen tatsächlich jede
Person lächelt und die Augen offen hält. In einem weiteren Kapitel zeigt Deussen, wie fotorealistische
Darstellungen auf rein rechnerischem Wege synthetisiert werden. Ideale Landschaften setzen das Erbe
der romantischen Maler fort, Schauspieler fliegen ohne Seil und magisch verändern Gegenstände ihre
Materialität: wer die Beleuchtungsgesetze kennt und anzuwenden weiß, kann ganz ohne Hexerei aus einer
Porzellanvase ein Glasgefäß machen. Es ist die große Leistung dieses Buches, diese Gesetze ebenso klar
zu erläutern wie die neurophysiologischen Bedingungen unseres Sehens als Grundlage der Arbeit von
Computergrafikern verstehbar zu machen. Weiterhin rahmt Deussen diese Arbeit bildgeschichtlich und
bildanalytisch: Computergrafik ist kein isolierter Gegenstand, sondern Fortsetzung einer langen
historischen Bildpraxis. Ihren Erzeugnissen muss dieselbe analytische Sorgfalt gewidmet werden wie
berühmten Bildern der Kunstgeschichte. Die Aufforderung des Autors zum Erlernen kritischen Sehens
kann deshalb nur in einer interdisziplinären Anstrengung erreicht werden. Deussens exzellent
organisierte Studie zeigt die Richtung, in die man sich wenden müsste.
Prof. Dr. Albert Kümmel-Schnur
Juniorprofessur Digitale Medien/Digitale Kunst, Universität Konstanz
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